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Sie schob langsam die Türe auf und betrat das staubige Zimmer. In der Luft lag ein schwerer, modriger Gestank, der sich ihr sofort auf die Atemwege legte und sie in die Knie zwang. Keuchend schob sie sich aus dem Raum und atmete durch. Schlimmer noch als der Geruch, der den Raum erfüllte, war jedoch der Anblick, der sich ihr in diesem kurzen Moment, in dem sie sich in dem Zimmer befand, bot. Das, was vor ihr lag, war scheinbar einst das Schlafzimmer eines Paares gewesen. Die Fenster waren mit dicken Vorhängen behangen, die einen Großteil des ohnehin spärlichen Lichtes der Dämmerung davon abhielten, in den Raum einzudringen. In der Mitte des Zimmers konnte sie aber ein Bett ausmachen, sowie einige Kommoden, die an den Wänden links und rechts davon standen. Die Einrichtung schien trotz der Menge an Staub, der sich auf allen Oberflächen abgesetzt hatte, relativ neu zu sein. Mitten auf dem Bett lag jedoch das, was diesen Raum so unerträglich machte. In der Dunkelheit lagen die Schemen zweier eng umschlungener Körper. Neben ihnen drückte sich der Umriss einer Pistole in die Bettdecke. Das Paar schien sich im Auge der vermeintlichen Apokalypse, die mittlerweile über ein Jahr zurücklag, dafür entschieden zu haben, gemeinsam ihrem Ende entgegenzuschreiten.

Dennoch war vorerst keine Zeit für Trauer, so schlimm der Anblick auch sein mochte. Sie selber war immerhin noch am Leben. Und um diesen Zustand aufrechterhalten zu können, brauchte sie jede Form von Waffen, die sie finden konnte. Sie hasste sich selber für das, was sie daraufhin tun würde, aber ihr blieb keine Wahl. Schützend hielt sie sich einen der Stofffetzen, die sie bei sich trug über Mund und Nase und wagte sich erneut vorsichtig in den Raum. Aus der Nähe betrachtet wirkte das Bild noch tragischer. Einer der beiden schien sich trotz der Entscheidung, sich das Leben zu nehmen voller Vertrauen an den Anderen, der scheinbar der Träger der Waffe gewesen war, zu schmiegen. Sie lagen Kopf an Kopf, sodass es nur einen Schuss gebraucht hatte, um sie beide von dem Antlitz dieser Welt zu tilgen. Langsam tastete sie sich an die Stelle vor, an der sich die Pistole neben den reglosen Körpern auf der Bettdecke abzeichnete und ergriff diese. Sie drehte sich auf der Stelle um und schloss die Türe hinter sich. Langsam sank sie mit dem Rücken an die Wand gelehnt zu Boden und zählte die Munition, die sich noch in der Waffe befand. 8 Schuss. Ihr Magen verzog sich bei dem Vorstellung daran, wie die Beiden Liebenden den Entschluss getroffen haben mussten und sich auf ihr Nahendes Ende vorbereitet hatten. Erschöpfung, sowohl physisch, als auch mental, machte sich in ihr breit. Sie verließ das Haus und suchte sich einen anderen Ort, an dem sie hoffte, zumindest für die Nacht sicher zu sein.

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Die Hitze war unerträglich. Die Luft war durchsetzt von dem Gestank verwesenden Fleisches, der ihre Augen zum tränen brachten. Sie wischte sich mit einem alten Stofffetzen durch ihr Gesicht. In den alten Autowracks war kaum etwas verwertbares zu finden. Hier und da sammelte sie einige Schrottreste, die sich sicher verkaufen ließen und die eine oder andere halbleere Tüte Bonbons oder Studentenfutter, die seit gefühlten Ewigkeiten in der Hitze lagen. ‚Besser als nichts‘, dachte sie, während sie sich eine handvoll Nüsse zu eigen machte. Sie schmeckten nicht sonderlich gut, aber sie würden zumindest für eine kurze Dauer Energie spenden, bis sie weitere Nahrung gefunden hatte. Hoffte sie jedenfalls. Doch die Gegenden dieser neuen Welt waren unberechenbar und damit musste sie sich zurechtfinden. Man wusste nie, wie lange man nach dem nächsten halbwegs essbaren Nahrungsmittel suchen musste oder ob man jemals wieder etwas zu Essen finden würde.

Zudem wusste man nie, wer oder was hinter der nächsten Ecke auf einen lauerte. Die wenigen Menschen, die noch überlebt hatten, waren zwar zumeist alleine unterwegs, jedoch gab es, vor allem in den ehemals dichter besiedelten Gegenden, vereinzelt größere Gruppen von Überlebenden, die ihre Bezirke mit allen der ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Eindringlinge verteidigten. Somit waren vor allem die Überreste der größeren Städte verbotene Zonen, von denen sie sich, soweit es möglich war, fern hielt. Die Banden hatten sich meistens in der Nähe der Einkaufszentren oder Lebensmittelgeschäften angesiedelt, aber auch die Waffenläden waren entweder seit langem leergeräumt oder ebenfalls in der Kontrolle der wenigen Gruppierungen. Die Städte waren somit zunächst keine Option für sie.

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„Gut so. Und nun entfern‘ Dich von dem Tisch!“ Der Fremde hatte seine doppelläufige Schrotflinte noch immer auf sie gerichtet. Sie machte einige hastige Schritte rückwärts, bis sie mit dem Rücken an die Wand gepresst war. Das spärliche Licht, das durch die bretterverschlagenen Fenster sickerte tauchte alles in einen graubraunen Schimmer, der Staub waberte langsam durch die Lichtstrahlen. Er hatte sie überrascht, als sie sich in der verlassenen Hütte nach Konserven und anderen Dingen umschaute, die ihr Überleben sichern würden. „Ich werde Dir nichts tun.“ versicherte er ihr, hielt dabei seine Waffe aber weiterhin auf sie gerichtet. Langsam näherte er sich dem Tisch und den Papieren, die darauf verteilt lagen. „Irgendwas interessantes dabei?“ Sie antwortete nicht, sondern starrte nur an die ihr gegenüberliegenden Wand. „Mach’s Maul auf, Süße! Ich frage dich nochmal: Ist etwas interessantes zwischen den Papieren?“ Nichts. „Ich hab nicht ewig Zeit!“ Die beiden Läufe richteten sich noch höher, wobei sie kurz aufblitzten, als sie einen Lichtstrahl kreuzten. Sie schaute nun direkt in die Öffnungen, in denen sich ihr Tod befinden könnte. „Ich.. ich weiß es nicht, ich konnte sie selber noch nicht genauer unter die Lupe nehmen.“

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Die Fetzen ihres Mantels schleiften durch den Schnee und hinterließen feine Streifen, die die Spuren ihrer Stiefel miteinander verbanden. ‚Fast wie damals‘ dachte sie, während sie sich durch die eisigen Massen kämpfte. ‚Damals…‘ Damals war nunmehr nichts weiter als ein schemenhaftes Gebilde ihres Verstandes, welches mit der Zeit nur noch mehr zu zerfallen drohte. Bald würden auch die letzten warmen Erinnerungen den grauschwarzen Eindrücken ihrer Umgebung weichen müssen und der letzte Teil ihrer Menschlichkeit langsam zugrunde gehen. Die Kleidung die sie trug, ihr löchriger Rucksack und ein zur Hälfte verbranntes Foto war alles, was ihr geblieben war.

In der ferne ragten die Überreste der längst vergangenen Zivilisation wie abgenagte Gebeine in den Himmel, dunkel, zerfallen und in sich zusammengebrochen.

Normalerweise mied sie die größeren Städte, oder vielmehr das, was von ihnen übrig geblieben war. Nicht so sehr, als würden sie die einstig mit Leben verbundenen Fassaden sie schmerzen, vielmehr hatten sich die ehemaligen Stadtgebiete zu einem Hort von Dieben und Mördern entwickelt. Doch ihre Vorräte waren verbraucht und die Natur um sie herum gab nicht mehr als Schnee, Staub und von Zeit zu Zeit die Überreste von Tierkadavern, an denen sich andere Überlebende genüsslich getan hatten.

Sie war nun noch kaum einen halben Tagesmarsch entfernt von der Stadt, in der sie zu der Zeit vor der großen Katastrophe gelebt hatte.

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